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Strategie, Mindset und Beispiele für Theorie und Praxis

Gameplan Design im No Limit Texas Hold'em Poker | Gundlagen Tutorial

Einleitung und Grundlagen

Bevor ich dir ein Bespiel zum Gameplan Design vorstelle, lass mich dir zuerst vorschlagen, was ich unter einem Gameplan verstehe.

Der Gameplan ist deine Idee, wie du unabhängig von deiner konkreten Hand in einer bestimmten Situation spielen möchtest. Unabhängig von deiner konkreten Hand bedeutet, dass du dir im voraus überlegt hast, mit welchen Händen du in diese Situation kommen kannst und eine Idee davon hast wie du diese Hände spielen möchtest.

Gameplan Preflop

Das einfachste Beispiel, welches auch von den meisten Spielern angewandt wird sind die Starting Hands Charts. Du weisst schon bevor du deine Karten erhältst, wie du welche Hände basierend auf der Preflop Action spielst. Wenn du dem Starting Hands Chart folgst, musst du nicht jede Situation analysieren, du hältst dich an das Chart welches deinen Gameplan Preflop darstellt.

Gameplan am Flop

Für den Gameplan am Flop lassen sich auch noch bewährte Regeln formulieren, so dass du die Konzepte die du in diesem Artikel lernst, am Flop nicht zum Design des Gameplans heranziehen musst, sondern sie verwenden kannst deine Regeln zum Spiel am Flop zu verifizieren, hinterfragen und je nach Gegnerschaft zu verfeinern. Hier findest du den Artikel zum Gameplan am Flop.

Am Turn und River wird es komplizierter

Für das Spiel an Turn und River lassen sich außer der Empfehlung das Konzept von Odds und Outs zu studieren keine allgemein gültigen Handlungsanweisungen formulieren. Ab hier bist du auf dich allein gestellt und stehst vor der Entscheidung, ob du die Zeit investierst und dir auch abseits der Tische Gedanken über dein Spiel und deinen machst oder ob du diesen Aufwand scheust, und in jeder Situation aufs neue versuchst den besten Spielzug am Tisch zu finden.

Einleitendes Beispiel

Mit den einleitenden Überlegungen sind die Rahmenbedingungen gesteckt, schau dir für die weiteren Ausführungen zum Gameplan Design zuerst das folgende Beispiel an und richte dabei besonderes Augenmerk auf den Spieler am Button.

Preflop:
3 players fold, BU raises 2.5bb, SB folds, BB calls
Flop (5.5bb): A♠ T♥ 3♣
BB checks, BU bets 3.5bb, BB calls
Turn (12.5bb): 8♦
BB checks, BU bets 8bb, BB calls
River (28.5bb): J♥
BB checks, BU …

Genau diese Situation nach dem BU check möchte ich als Ausgangspunkt verwenden, dir darzustellen mit welchen Mitteln du ins Gameplan Design einsteigen kannst, und zwar sowohl für den Turn als auch den River.

Gegnerische Range

Mit welchen Händen erreicht BB den River

Die erste Frage, die du dir aus Sicht des BU zum Formulieren eines Gameplan für diese Situation stellen möchtest ist, mit welchen Händen der BB im Check/Call Modus überhaupt den River erreicht.

Unter der Annahme, das Preflop, am Flop, am Turn und auch am River das Spiel des BB gewisse Hände unwahrscheinlich macht – immerhin hätten die stärksten Hände vermutlich gebettet oder geraised und die schwächsten Hände gefoldet ist die hier dargestellte Range zumindest plausibel. Vermutlich hält der BB schwache Hände die einen Showdown sehen möchten, so z.B. schwache Aces, Tx oder 99, Hände die am Turn schwach getroffen haben und sich keine Bet zutrauen wie z.B. T8s und Hände die an Flop und Turn stark genug zum callen waren und sich jetzt am River verbessert haben, wie z.B. JT oder AJ.

Vermutete River Range des BB

Für dein eigenes Spiel ist es wichtig, dass du lernst, deine Mitspieler auf eine Range zu setzen, denn davon wird im späteren Verlauf abhängen welche deiner Hände stark genug sind um gebetted oder gecalled zu werden und welche Hände du entweder als Bluff in Erwägung ziehst oder aufgibst.

Mit welchen Händen würde BB nach einer Bet weiterspielen?

Die zweite Frage die du dir stellen möchtest ist, mit welchen Händen der BB am River überhaupt weiterspielt. Ja, der BB hat mit 146 Händen im Check Call Modus den River erreicht, doch würde er auf eine weitere Bet alle diese Hände weiterspielen? Vermutlich nicht… Wenn der BU eine weitere Bet setzt, dürfte auf den unteren Limits selbst ein tendenziell call/freudiger Spieler Hände wie UnderPairs oder Tx und schlechter folden.

Folding Range des BB

Auch an dieser Stelle ist es wichtig, dass du die Dynamik des Spiels verstehst und lernst das Spiel deiner Gegner einzuschätzen. Und ja, je mehr der BB in dieser Situation bereit ist Hände zu folden die Showdown Value haben, um so profitabler wäre ein Bluff des BU.

Gameplan des BU am Turn

Mit diesen Vorbereitung kannst du versuchen den Gameplan des Button für das Spiel ab dem Turn zu formulieren. Da du für das Spiel preflop und am Flop die entsprechenden Vorgaben nutzt startest du, indem du verinnerlichst, mit welcher Range der BU den Turn erreicht. Die Hände, die der BU gemäß Starting Hand Chart preflop erhöht siehst du hier dargestellt.

100% Range des BU

Folgst du den Richtlinien für das Spiel am Flop würdest du auf einem AT3 Board ohne Draws zu 100% eine Continuation Bet in Höhe von 2/3 des Pots setzen, was bedeutet, dass, wenn du der BU wärst, dieser nach dem Call des BB mit 477 Händen – also seiner gesamten Preflop Range abzüglich der Hände die durch die Board Cards von Flop und Turn ausscheiden – den Turn erreicht.

Wenn du als Standard Bet Size 2/3 Potsize unterstellst, so hast du im Artikel zu Odds und Outs gelernt, dass der BU mit einer 2/3 Potsize Bet dem BB Pot Odds von 5:2 gibt. Zur Erinnerung, diese ergeben sich aus der Größe des Pots von 3/3 Potsize zuzüglich der Bet von 2/3 Potsize also 5/3 und dem gegenüber die 2/3 Potsize die der BB callen müsste wenn er die nächste Karten sehen will. Wenn du deinem Gegner PotOdds von 5:2 gibst bedeutet das gleichzeitig, dass du auch eine Bluff Frequenz von etwa 5:2 anstreben möchtest, also auf 5 Value Hände mischst du 2 Bluffs ein.

Für das erstellen der Ranges hat es sich am Turn bewährt, die Value Range mit starken Händen zu füllen und die Bluff Range mit den verfügbaren Draws zu füllen. Stellst du die Kombinationen in Value und Bluff Range gegenüber und erhältst in etwa 5:2 hast du eine Vorstellung davon welche Hände du am Turn betten möchtest. Erhältst du ein deutlich anderes Ergebnis versucheHände aus der zu großen Range in die check Range umzuverteilen bis du 5:2 erreichst. Auf diese Weise stärkst du zum einen die Check Range – entweder durch Value Hands oder starke Draws – und hast zum anderen eine gute Methode um Value Hands und Bluff Hands ins gewünschte Verhältnis zu setzen.

In der gegebenen Situation, in der der BB auf die Bet des BU am flop nur gecalled hat wäre die hier dargestellte Verteilung als Startpunkt plausibel.
- 156 der 477 Hände als Value Hände bestehend aus Sets, TwoPairs und Top Pairs
- 68 der 477 Hände als Bluff bestehend aus Straight Draws – was in etwa dem gewünschten Verhältnis entspricht
- und 253 der 477 als Check bestehend aus schwachen Pairs mit 5 Outs und den schlechten Gutshots mit 4 Outs und den restlichen Trash Händen.

Gameplan Turn für den BU

Je nachdem wie stark du deine Gegner einschätzt und ob dein Entwurf des Gamplans ein ausgewogenes Verhältnis aus Bets und Checks hergibt, möchtest du die Check Range noch etwas stärken, in dem du im richtigen Verhältnis Hände aus der Value und Bluff Range in die Check Range umverteilst. Stellst du hingegen fest, dass du zu wenig Value Hands in deiner Range hast, sollte dies ein Warnsignal sein, dass irgendetwas im Gamplan Design auf den vorherigen Streets schief gelaufen ist. Für den Start lass mich jedoch mit der hier dargestellten Range fortfahren und analysiere später selbst, welche Auswirkungen eine Stärkung der Check Range hat.

Gameplan des BU am River

Wenn du am River die Kombinationen mit dem J♥ als River Card aus der BU Range abziehst, so kannst du davon ausgehen, dass der BU den River mit 209 Händen erreicht. Unterstellst du wieder 2/3 Pot Size als Standard Bet Size, verwendest die stärksten Hände zum füllen der Value Range, die schwächsten Hände zum füllen der Bluff Range und die mittleren Hände zum füllen der Check-Behind Range so ist in etwa die hier dargestellte Rangeverteilung für den Gameplan am River plausibel.
- 101 von 209 Händen als Value Range bestehend vor allem aus Straights, Sets, und Two Pairs
- 36 von 209 Händen als Bluff Range bestehend aus den verbliebenen Jx und
- 72 von 209 Händen als check behind Range.

Gameplan River für den BU

Auffällig ist an dieser Verteilung, dass sie deutlich mehr bets als check-behinds beinhaltet, dies lässt sich in der konkreten Situation allerdings auf das Board zurückführen, welches mit der River Card diverse Draws aus der Bluff Range vom Turn komplettiert hat.

Validieren und Justieren

An dieser Stelle bist du mit dem Gameplan für dieses Board und einen Gegner der an Flop und Turn check/called fast fertig.

Final empfiehlt es sich die Ranges vom River gegen die angenommene Range des BB zu validieren, schlicht um zu vermeiden, dass die Value Range garnicht so stark ist wie angenommen oder die Bluffs – hier immerhin Pairs – nicht eigentlich zu stark zum Bluffen ist.

Stößt du dabei auf Unregelmäßigkeiten, sei es in der Stärke der Ranges oder im Verhältnis der Ranges untereinander, so versuche wieder zwischen den Ranges sinnvoll umzuverteilen bis du das gewünschte Verhältnis erreichst. Ist dies nicht möglich, so ist die wiederum ein Indikator dafür, dass auf einer der früheren Streets etwas beim Gameplan Design nicht optimal gelaufen ist.

Für finale Validierung stellst du die Ranges des BU der angenommenen Range gegenüber mit welcher der BB potentiell weiterspielt und verwendest Pokerstove oder das Pokerstrategy Equilab um die Ranges miteinander zu vergleichen – ich habe an dieser Stelle Equilab verwendet.

Für den grundsätzlichen Überblick kannst du die Ranges des BU als ganzes prüfen – Wackelkandidaten für den Feinschliff ggf. einzeln

Stellst du die Value Range des BU der angenommen Range des BB gegenüber so ergibt sich eine Equity von 90% was definitiv stark genug für eine Value Range ist.

Die Bluff Range des BU hat eine Equity gegen den BB von ca. 10% was für eine Bluff Range ebenfalls hinreichend wenig ist, und das obwohl sie im konkreten Fall aus Pairs besteht.

Die Check Behind Range hat eine Equity von ca. 47%, dass heisst in ca. der Hälfte der Fälle gewinnst du, in der anderen Hälfte verlierst du – dies in etwa der Wert den du für deine mittelstarken Hände auch erwarten würdest.

Validieren und Range Check

Abschließend prüfst du noch einmal das Verhältnis aus Value Hands zu Bluff Hands. Im aktuellen Status des Gameplan entspricht dieses in etwa einer Bluff Frequenz von 26%. Bei Odds von 5:2 würdest du eine Frequenz von 2/7 also etwas mehr als 28% erwarten – an dieser Stelle ließe sich gegen sehr gute Gegner z.B. durch Anpassen der Bet Size nachschleifen, auf den unteren Limits – wo die Gegner tendenziell call-freudiger sind ist dieser Wert aber Ok – gegen die call/freudigsten Gegenspieler sollte er sogar nach unten angepasst werden da die Bluffs zu selten zum erfolg führen. Dies kann auch durch anpassen der BetSize oder verschieben von Bluff Händen in die Check Range geschehen.

Fazit und Ausblick

Ich habe dir in diesem Artikel einige der Grundlagen und Herangehensweisen an das Gameplan Design vorgestellt und dir die Anwendung an einem konkreten Beispiel demonstriert. Auch wenn es nur ein einzelnes Beispiel war hast du sicher festgestellt, dass allein dieses Beispiel problemlos noch weiter analysiert werden könnte. Und das ist der Grund, weshalb viele Spieler die Hürde des Gameplan Designs nicht meistern. Die Arbeit jenseits der Tische erscheint zu hoch. Ich empfehle dir, für dein Gameplan Design mit den am häufigsten vorkommenden Situationen (z.B. BU vs. BB) zu starten und deine Erkenntnisse in der Praxis umzusetzen. Hast du ein gesundes Fundament für deinen Gameplan erweitere und vertiefe einzelne Elemente, z.B. durch unterschiedliche Bet Sizes oder andere Gegnertypen, bzw. baue nach und nach die selteneren Situationen in deinen Gameplan ein. Und eins vorweg – es lohnt sich! Allein dadurch, dass bis auf die mittleren teilweise sogar höheren Limits genügend Spieler den Aufwand des Gameplan Designs scheuen, wirst dir allein durch die Beschäftigung mit dem Thema nach und nach einen signifikanten Vorteil erarbeiten.

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